Wieso plötzlich oft nicht plötzlich ist

Warum „plötzlich“  oft gar nicht plötzlich ist.

Kompensation und Dekompensation

Die Osteopathie betrachtet den Pferdekörper ganzheitlich. Genau dieser ganzheitliche Blick macht sie so wertvoll, denn der Körper eines Pferdes ist ein komplexes System, in dem alle Strukturen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen.

Der Organismus versucht ständig, trotz äußerer und innerer Einflüsse sein Gleichgewicht – die sogenannte Homöostase – aufrechtzuerhalten. Wie genau dieses Gleichgewicht funktioniert, schauen wir uns im nächsten Beitrag noch genauer an.

Damit sind wir auch schon beim Thema Kompensation und Dekompensation.

Pferde sind als Fluchttiere wahre Meister der Anpassung. Schwäche zu zeigen würde in der Natur ein Risiko bedeuten, weshalb sie Beschwerden oft möglichst lange verbergen. Genau hier kommen die Kompensationsmechanismen des Körpers ins Spiel.

Kompensation bedeutet, dass der Körper die Fähigkeit besitzt, ein Problem auszugleichen. Hat ein Pferd beispielsweise Schmerzen in einem Bein, versucht der Körper häufig, die Belastung auf andere Strukturen zu verlagern. Dadurch funktioniert das Pferd zunächst weiterhin scheinbar problemlos und der Organismus versucht, das innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Bei Blockaden, Verspannungen, Überlastungen oder Narbengewebe reagiert der Körper mit unterschiedlichen Anpassungsmechanismen. Diese können sich zum Beispiel durch erhöhte Muskelspannung zur Stabilisierung, Anpassungen des faszialen Systems oder durch die Umlenkung von Bewegungen auf andere Gelenke und Muskelketten zeigen.

Da alle Strukturen im Körper miteinander verbunden sind, betreffen kompensatorische Muster oft nicht nur die unmittelbar betroffene Region, sondern ziehen sich durch den gesamten Körper. So können beispielsweise Magenprobleme Auswirkungen auf die Mobilität der linken Schulter haben oder Zahnprobleme die Hinterhand beeinflussen.

Wichtig ist dabei: Kompensation bedeutet nicht Heilung. Der Körper passt sich lediglich an die durch die Dysfunktion entstandenen Bedingungen an.

Doch was passiert, wenn diese Kompensationsmechanismen über längere Zeit bestehen bleiben?

Kommen zusätzlich weitere Belastungen hinzu – sei es durch Training, Stress, Haltung, innere Prozesse oder andere äußere Einflüsse – kann irgendwann der Punkt erreicht werden, an dem der Körper die Probleme nicht mehr ausgleichen kann. Der Anpassungsmechanismus ist erschöpft. Man spricht dann von einer Dekompensation.

In diesem Stadium können strukturelle Probleme entstehen, beispielsweise Erkrankungen des Bewegungsapparates. 
Symptome werden sichtbar: es kommt zu einem Leistungsabfall. Häufig  treten Schmerzen  auf. Es kann beispielsweise   zu Lahmheit kommen durch strukturellen Veränderungen wie Sehnenschäden oder Athrose . In diesem Zustand hat sich das Gewebe schon langfristig verändert und ist oft geschädigt.

Oft wirkt es dann so, als wäre das Problem akut entstanden. Ein typisches Beispiel sind Pferde, die „plötzlich“ mit einem Sehnenschaden von der Weide kommen. Tatsächlich entsteht ein solcher Schaden jedoch nur selten vollkommen plötzlich. Häufig waren die betroffenen Strukturen bereits über lange Zeit überlastet. Das akute Problem stellt in vielen Fällen lediglich das Ende einer langen Kompensationskette dar, die irgendwann nicht mehr ausgeglichen werden konnte.

Genau deshalb kann eine osteopathische Behandlung nicht nur bei bereits bestehenden Beschwerden sinnvoll sein, sondern auch vorbeugend eine wertvolle Unterstützung darstellen – bevor der Körper dekompensiert und deutliche Symptome entstehen.


 

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